So sprichst Du mit mir…?

Letzte Woche habe ich biometrische Passbilder machen lassen. Als solches schon keine schöne Sache. Mal ehrlich: wieso müssen auf den Passbildern eigentlich alle Menschen plötzlich aussehen, als wollten sie die Regierung des Landes stürzen, das sie eigentlich nur bereisen möchten? 

Mein Freund beispielsweise fiele mit seinem Bart und den dunklen Haaren mit dem bösen-biometrik Blick direkt ins Gefährder-Klischee. Wird noch spannend bei der Einreise in die USA. Zum Glück nehmen wir unterschiedliche Flieger. Ich möchte schließlich nicht in Sippenhaft genommen werden. Aber ich schweife ab.

Jedenfalls bin ich in einen Fotoladen gegangen, dessen Besitzer mit extrem viel Goodwill als Original beschrieben werden kann. Sein Umgang mit Kunden ist flapsig. Passt auch zu seinem Typ. Die Frage ist halt nur, wie weit man gehen kann und wie weit zu weit ist. Der ein oder andere findet da den Absprung nicht. Bestes Beispiel: genannter Fotograf.

Er schießt ein paar Bilder, grinst breit und sagt: „Na, dann wollen wir uns mal ansehen, wie das rote Teufelchen auf den Fotos wirkt.“ WHAT? Gehts eigentlich noch? Ist es ein Freifahrtschein für blöde Kommentare, dass ich rote, kurze Haare habe? Auch wenn das jetzt für den ein oder anderen überraschend ist: ich habe alles schon gehört… Pumuckl, Sams, Duracell mit dem Kupferkopf. Egal, für wie witzig der Sprücheklopfer das gerade hält – nach knapp 40 Jahren (und davon 13 Jahren harter Schule in der Schule) ist kein Spruch mehr originell. Und darüber hinaus: hätte er das zu einem Mann gesagt? Wohl kaum.

Was sagt uns das? Sexistische Sprücheklopferei in jeder (Geschäfts-)Beziehung ist einfach nicht cool. Und ich so? Ich wünschte, ich könnte jetzt behaupten, dass ich mich wortgewandt gewehrt und ihn mit seinen beschissenen Passbildern stehengelassen hätte. Aber auch für mich gilt leider: eloquent ist man immer erst hinterher. Ich habe die Situation gequält weggelächelt und gehofft, dass ich bald aus dem Laden raus bin. Mein Kopf hat mir diktiert, dass ich mich nicht so anstellen soll. Im Nachhinein stellt sich mir die Frage: wer war eigentlich in der Situation bescheuerter: der Typ oder mein Kopf? Nicht so anstellen, wenn jemand denkt so mit mir sprechen zu müssen? Grundsätzlich. Aber noch dazu jemand der mein Geld will? Jemand, der mich noch nie gesehen hat?

Je nach Kunden ist meine Ansprache auch mal lockerer, mal distanzierter aber eben immer professionell. Wir wollen ja mal nicht vergessen, dass es sich – egal, wie gut man sich versteht – immer noch um eine Geschäftsbeziehung handelt. Ich arbeite auch mit und für Freunde. Auch dort gibt es für mich jedoch eine klare Trennung. In Meetings wird Geschäftliches auf professioneller Ebene besprochen. Beim gemeinsamen Abendessen nicht. Ich muss wohl nicht gesondert erwähnen, dass ich auch meine Freunde nicht mit sexualisierten Kommentaren behellige… weder privat noch geschäftlich.

Naja, anzügliche Kommentare sind einfach mal grundsätzlich ein fettes NO GO. Also mich hat er damit jedenfalls kaum als Stammkundin gewinnen können. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass es nicht nur mir so geht. Denn geht es nicht darum, seinen Kunden das Gefühl zu geben, gut aufgehoben zu sein? Gehört dazu nicht auch, jemanden respektvoll zu behandeln? Falls ich da etwas mißverstanden habe, gebt mir bitte Bescheid, dann melde ich mich schnellstmöglich für den nächsten Workshop „Distanzlosigkeit im geschäftlichen Umfeld“ an. Man muss heutzutage schließlich immer am Ball bleiben.

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