Über Sex kann man nur auf Englisch singen

Leider kann ich mich nicht rühmen, diese Entdeckung gemacht zu haben, sondern muss die Lorbeeren direkt an die großartigen Tocotronic weiterreichen. Trotzdem, eines bleibt: die Erkenntnis, dass man doch auch irgendwie in seiner eigenen Sprache gefangen ist.

Es gibt Wörter, die ich im Deutschen nicht benutze, Formulierungen, die mir nicht im Traum einfielen. Und damit beschneide ich mich meiner eigenen Möglichkeiten, reduziere den kreativen Output, weil man manche Dinge so nicht sagt oder macht.

Haruki Murakami hat zu seinem einzigartigen Schreibstil gefunden, indem er das erste Kapitel seines Debütromans in englisch schrieb und dann ins Japanische übersetzte. Wohin ihn das brachte kann man knapp 40 Jahre und zahlreiche Bücher später sehen. Natürlich wollte ich – nachdem ich über diesen Ansatz in seinem Buch „Von Beruf Schriftsteller“ gelesen hatte – gleich wissen, wie sich diese Idee bei mir auswirkt.

Ich suchte mir eine Ausschreibung des fränkischen Autorenverbands aus, die das Thema „Jagdfieber in Franken“ für den „Schaeff-Scheefen-Preis 2019“ ausriefen. Wieso? Weil ich Franke bin und weil sich das Thema nicht bei Wildschweinen und tannengrünen Cord-Kniebundhosen erschöpft. Außerdem hatte ich keine Lust noch viel Zeit mit Themenfindung zu vergeuden, nur um eine Fingerübung auszutesten.

Nachdem ich längere Zeit im englischsprachigen Ausland verbracht hatte, war das Vokabular keine große Herausforderung. Hinzu kommt, dass ich hauptsächlich englischsprachige Literatur lese. Unter anderem Irvine Welsh und Bret Eaton Ellis. Die sind nicht unbedingt für Zartfühligkeit bekannt. Welch große Auswirkungen sie auf meine Wortwahl, meine Figuren und Handlungsstränge haben würden, war mir aber nicht bewusst.

Nachdem die fertige Geschichte vor mir lag, tat ich mir mit der Übersetzung schwerer, als vermutet. Nicht, weil ich meine eigenen Wörter nicht kenne, sondern vielmehr, weil ich weder so freizügig über Sex noch Gewalt schreiben würde. Dachte ich. Viele der Wörter würde ich niemals in einem deutschen Text verwenden. Krasser Scheiß, welchen Unterschied das alles macht.

Nachdem ich ihm meine Geschichte vorgelesen hatte, wollte sich mein Freund aus Angst vor mir im Schlafzimmer einschließen und den Schlüssel wegwerfen. Was wenig Sinn macht, da wir im Hochparterre wohnen. Und, weil ich eben auch nicht der 48jährige Psychopath aus meiner Geschichte bin.

Er sagte, ich könne eine solche Geschichte nicht bei einem fränkischen Schreibwettbewerb einreichen, schließlich sei ich weder Bret Eaton Ellis noch Jack Ketchum. Und Schweinfurt auch nicht Detroit oder Leith. Stimmt. Ich habe es trotzdem gemacht. Sicherlich werde ich keinen Preis mit einer Geschichte gewinnen, die sich mit dem maximal gestörten Innenleben eines dauerfluchenden, 48jährigen Muttersöhnchens beschäftigt, aber ich kann mich auch nicht selbst einschränken, nur weil irgendjemandem die Thematik nicht passt oder – im Fall der Juroren – nicht passen könnte.

Jedenfalls bin ich selbst überrascht, welch neue Welt sich für mich eröffnet hat… nur durch den Austausch einer Sprache. Und ich werde diese Herangehensweise definitiv auch mal im geschäftlichen Umfeld ausprobieren. Minus Sex, Gewalt und Schimpfwörter.

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