Google Street View & Beppo der Straßenkehrer

Selbstständig sein ist in höchstem Maße bizarr. Erst sitzt man da und versucht – natürlich komplett erfolglos – irgendwie an Kunden zu kommen. Mit Glück bekommt man persönliche Absagen. Realistisch bekommt man zahllose Standardabsagen, die eigentlich nicht mal auf den Freiberufler zugeschnitten sind, sondern auf Bewerber für Festanstellungen. Und dann ist da die Flut (oder eben gerade Nicht-Flut) an Menschen, die es überhaupt gar nicht für nötig hält zu antworten. Find ich blöd. Und ich saß schon an beiden Enden der Nahrungskette.

Also man sitzt da, betreibt Akquise, die einfach jeder hasst – mal ehrlich, gibt es Menschen, die das mögen? – und verzweifelt immer mehr. Das Geld wird knapp, der Vermieter will immer noch Miete und das Essen im Supermarkt gibt es auch nicht umsonst und man überlegt sich ernsthaft nach einem ordentlichen Job umzusehen, der die eigene Arbeit auch finanziell entlohnt.

Und dann: BUFF. Plötzlich steht da ein Kunde. Und noch einer und noch einer und noch einer. Wo kommen die denn auf einmal alle her? Bei mir – da muss ich jetzt mal ehrlich sein – über Kontakte und Netzwerke (Moment, hatte ich Netzwerke nicht irgendwann verteufelt? Ich nehms zurück, ehrlich). Jetzt sind sie jedenfalls da. Und haben Aufträge mitgebracht. Auch noch komplett unterschiedliche. Genau so habe ich mir Selbständigkeit vorgestellt. Aber natürlich – ist ja nicht alles schwarz und weiß – steht man gleich vor der nächsten Herausforderung: Priorisierung und Zeitmanagement. Dringlich ist ja eigentlich alles.

Plötzlich habe ich eine Menge zu tun, verschiedene Projekte, die alle in meinen Tagesablauf wollen. Dazu mein eigener Kram. Blogeinträge schreiben und so. Die zaubern sich ja auch nicht einfach so ins Netz. Meine natürliche Erstreaktion? Kopflos von Projekt zu Projekt springen, hier schnell was und da schnell. Bringt halt gar nichts. Außer Frust und halbgare Ergebnisse, die ich so niemandem ernsthaft präsentieren würde. Also auf Anfang. Beppo-Style.

Äh… wer war noch gleich Beppo? Der Straßenkehrer von Momo, Mann. Und zeitgleich der figurgewordene Beweis, dass Tocotronic vielleicht doch nicht uneingeschränkt recht mit ihrer Meinung über Michael Ende hatten.

Also jedenfalls habe ich heute morgen im Bad mal eingehend über ihn nachgedacht. Und  über Google Street View als seinen natürlichen Feind. (Ich weiß ja nicht, ob ich damit allein bin, aber immer wenn ich nicht gerade Reden für imaginäre Preisverleihungen unter der Dusche halte, habe ich dort meine besten Eingebungen.) Beppo jedenfalls schaut sich nie die komplette Straße an, die er sauber machen muss, sondern konzentriert sich immer ganz auf den nächsten Besenstrich. Heutzutage würde man das wohl Achtsamkeit nennen. Bei Google Street View hingegen kann man die Blicke schweifen lassen. Aber wie bringt man die beiden jetzt zusammen?

Bei mir funktioniert das so: zum Tagesbeginn setze ich mich hin und verschaffe mir einen groben Überblick über das Anstehende. Alle Aufgaben, alle Kunden. Dann erstelle ich mir meine To Do für jedes Projekt an diesem Tag, um im nächsten Schritt den Beppo zu machen. Ich lege alles andere zur Seite und kümmere mich mit meiner ganzen Aufmerksamkeit um ein Projekt, bis ich die Aufgabe(n) erledigt habe. Dann ist der nächste dran. Plötzlich ist Abend und ich bin die ganze Straße entlanggegangen und habe dabei nirgendwo auf dem Weg meinen Kopf verloren.

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