Lähmung durch Technik

In meinem Leben war es seit Donnerstag verdächtig still. Keine nervigen E-Mails, kein Internet, nicht mal viele der guten alten Anrufe. Entspannend, könnte man meinen. Wünschenswert. Eine Auszeit. Eremitentum auf Zeit? 

Von wegen. Die Entscheidung habe nicht ich getroffen. Sondern mein Rechner. Als Dank dafür, dass ich ihn aufs neuste Betriebssystem upgedatet habe, hat er umgehend den Dienst quittiert. Aber eigentlich darf ich mich gar nicht beschweren und was ich da behaupte, stimmt auch nur so halb.

Er hat schon noch alles getan. Meistens. Er ist halt gerne abgestürzt. Und wenn man kein Problem damit hat, dass Word 2008 (ja, ich weiß) eine halbe Stunde zum Öffnen braucht und pro Satz ca. 45 Minuten zur Verarbeitung, dann war alles in bester Ordnung. Man könnte es ein Lehrstück des Buddhismus nennen. Dann wäre es sogar absolut erstrebenswert.

Dummerweise ist mein Rechner meine absolute Arbeitsgrundlage. Für alles. Und auch, wenn ich das jetzt ungern sage, weil ich wirklich nicht so der Techniknarr bin (ich wiederhole: Office 2008), geht ohne ihn einfach nichts. GAR NICHTS.

Da ich aus der Theaterwelt komme, die ich mir vermutlich ausgesucht habe, weil dort eine gewisse Melodramatik zum guten Ton gehört, liefen auch die vergangenen Tage recht dramatisch ab. Zumindest in meinem Kopf. Und das ging so:

Donnerstag:
Blogbeitrag für einen Kunden erstellen & Social Media Kanäle bestücken. Der Rechner schmiert ab. Die Hälfte weg. Nicht aufregen, ganz ruhig bleiben. RUHE BEWAHREN… FXCK, FXCK, FXCK. Irgendwie das Ganze wider Erwarten doch noch hingekriegt. Statt 1 1/2 Stunden halt mal 6 Stunden damit zugebracht, die man natürlich nicht in Rechnung stellen kann. Ist ja nicht die Schuld des Kunden. Mist.

Danach? Rien ne va plus. Der Rechner entscheidet, dass es jetzt Zeit für Feierabend ist. Er ist so tiefenentspannt, dass er sich nicht mal mehr runterfahren lässt. Tja, am Ende sitze ich halt doch am längeren Hebel. Und mein gelebter Pazifismus erstreckt sich nun mal nicht auf technische Geräte.

Weil es noch vergleichsweise früh am Tag ist, unternehmen der Rechner und ich einen Ausflug. Zum nächsten Computerfachgeschäft, die ihn hochfahren (Neeeeeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiin) und feststellen, dass er überlastet ist (echt jetzt?). Nachdem sie auch Rechner verkaufen ist der naheliegende Vorschlag: „Kauf Dir doch einen Neuen.“ Ich fahre nach Hause und lamentiere meinem Freund durch mein zickendes (natürlich) Handy die Ohren voll.

Freitag:
Das Problem besteht und hat sich – oh Wunder – über Nacht nicht selbst gelöst. Bedeutet: ich bin arbeitsunfähig. Das Mailprogramm zu öffnen steht vollkommen außer Frage, wie ich nach einer Stunde frustriert einsehen muss. Also telefoniere ich meine Kunden durch und informiere sie darüber, dass ich nicht erreichbar und obendrein Handlungsunfähig bin. Hilflosigkeit, mein Lieblingsgefühl.

Ich rufe eine Freundin an, um ihr mein Leid zu klagen. Oder vielmehr weil ich hoffe, dass sie mich der Lösung meines Problems einen Schritt näher bringen kann. Zwar betreibt sie keinen florierenden Handel mit neuen Rechnern, die von undichten Lastern gefallen sind, aber sie kennt Hinz und Kunz und ist außerdem technikaffin. Und siehe da: sie kennt tatsächlich jemanden, der sich meinen Rechner ansehen würde. Nur: der muss gerade arbeiten. Wie jeder normale Mensch um diese Uhrzeit.

Also gehe ich zurück in den Computerladen. Vielleicht muss ich mich nach sieben gemeinsamen Jahren der Realität stellen und mir wirklich mal einen neuen Laptop besorgen. Was erst einmal auch gar nicht so schlimm wäre und mich auch nicht in den finanziellen Ruin stürzen würde. Aber: ich will mich nicht mit einem neuen technischen Gerät auseinandersetzen müssen. Bäh. Ernsthaft: gibt es Menschen, die Gebrauchsanweisungen lesen?

Der Verkäufer ist bemerkenswert desinteressiert. Geht das jetzt nur mir so, oder ist das im Hinblick auf die potentielle Einnahme eines vierstelligen Betrags irgendwie kontraproduktiv? Ich entscheide mich, zumindest dort nicht zu kaufen, komme, was wolle. Die Beratung – so beschissen sie auch sein mag – nehme ich trotzdem mit, nur um den Verkäufer zu ärgern.

Am Abend dann der Anruf. Der Freund der Freundin begibt sich auf meinen Rechner und schaut sich um. Er schickt mir den Link zu Speicherplatzerweiterungen und einer SSD Festplatte und vor allem sagt er mir, dass alles gut wird. Schön.

Denn gefühlt bin ich in den letzten beiden Tagen wie eine Irre pausenlos durch die Gegend gerannt, ohne dabei auch nur das Geringste zu verdienen oder mich weiterzubilden oder sonstwie konstruktiv tätig gewesen zu sein. Ich habe mich die meiste Zeit elend gefühlt, wenn ich nicht gerade in Rage war. Dabei habe ich meine Selbstständigkeit verflucht und mir ernsthaft überlegt, mir eine eigene EDV-Abteilung einzustellen. Natürlich habe ich auch – zwischen dramatischem Lamento – ernsthaft an mir und meinen Fähigkeiten gezweifelt. Was als solches von Außen betrachtet total hirnrissig ist, sofern ich mich nicht als Hardware-Administrator anbieten möchte.

Montag: 
Ein gewisser Versandhändler, den ich normalerweise boykottiere (aber wenn es einem selbst ans Leder geht, ist ja alles immer ganz anders) hat meine Lieferung angekündigt. Um das alles für mich planbar zu machen, hat er den Lieferzeitraum eingegrenzt: zwischen 8:00 und 21:00 Uhr. Na vielen Dank. Am Abend gab es Tiefkühlpizza aus unserem dringend abzutauenden Gefrierfach. Einkaufen war ja nicht.

Nach Feierabend (seinem, nicht meinem) fuhr ich also zum Freund der Freundin, er baute mir alles ein und siehe da: Der Rechner läuft wieder. Ich musste mich beherrschen, weder den Freund, noch den Rechner mit Küssen zu benetzen, so verzweifelt war ich zuvor. Oh Gott, wie erbärmlich.

Dienstag:
Rechner geht wieder. Dafür bin ich krank. Zum 2. Mal in diesem Jahr. Mann, es ist Anfang Februar und ich werde nie krank. Irgendwie drängt sich mir langsam der Verdacht auf, dass es 2019 echt von mir wissen will.

Aber weil alles schon zu lange gelegen hat und ich meinen Rechner noch nicht komplett wieder auf den Stand gebracht habe, fahre ich trotzdem zu einem Kunden und belästige seine Mitarbeiter mit zahlreichen Rotzfahnen. Das Selbstmitleid behalte ich so gut es geht für mich.

Am Abend richte ich mit dem Freund der Freundin die letzten Dinge ein und mein Rechner ist wieder wie alt. ❤ Nur funktionstüchtiger.

Hätte mir jemals jemand gesagt, dass ein kaputter Rechner mal ein echtes Drama für mich sein würde, ich hätte ihn ausgelacht.

Ich war zwischenzeitlich so verzweifelt, dass ich dem Ganzen in einer Playlist Luft gemacht habe: Computerliebe.

Ein Gedanke zu “Lähmung durch Technik

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s