Flaute. Und jetzt?

Im Leben des gemeinen Freelancers gibt es zwei Zustände:

  1. Sturmflut
    Das war bei mir zum Ende des vergangenen Jahres so. Es gab so viel zu tun, dass ich mich weder daran erinnern konnte, dass ich ein Privatleben habe noch, dass man ja eigentlich auch immer einen Teil seines Arbeitstages auf die Neukundenakquise verwenden sollte. Aber mal ehrlich: wo soll das in solchen Zeiten noch Platz haben? Und: will ich – während ich bis zum Hals in Arbeit stecke und kein Land sehe – dafür sorgen, dass sich noch mehr Arbeit aufhäuft? Klingt unattraktiv.
  2. Flaute
    Ja, das ist dann der Rest der Zeit. Die großen Projekte sind abgeschlossen. Vielleicht ist die Luft gerade auch ein wenig raus. Auf jeden Fall ist plötzlich der Druck weg. Und oft hat er auch gleich die Motivation mitgenommen. Wer dafür zur Tür reinschaut: der Frust. Plötzlich fühlt man sich komplett nutzlos und Kundenaufträge sind auch nicht so wirklich in Sicht. Oder sie würden ja, haben aber leider das Budget nicht. Das ist auch die Zeit, in der sich die Angebote häufen, dass man doch mal kostenfrei arbeiten könnte. Na vielen Dank. Das ist immer der Moment, in dem ich mich darüber ärgere, dass ich während der Sturmflut nicht doch ein paar Minuten ins Netzwerken oder die Akquise gesteckt habe.

Weil man in stürmischen Zeiten sowieso nichts anderes machen kann, als das Beste geben und durchhalten, widme ich mich der Zeit, in der eben vermeintlich nichts geht. Zumindest ich frage mich am Ende der meisten Arbeitstage dieser Phasen, was ich eigentlich geschafft habe und gebe mir selbst die – wenig hilfreiche – Antwort: nix. Obwohl das natürlich auch nicht stimmt. Es fühlt sich aber so an.

Deswegen widme ich mich heute dem, was man bei einer Flaute so alles tun kann oder vermutlich sowieso tut, ohne es selbst zu würdigen. Schon alleine, um mich selbst zu beruhigen. Und vielleicht bringt es ja jemand anderem auch was?

Akquise
Jaaaaaa, da ist sie wieder. Gibt es Menschen, die das gerne machen? Ich würde euch gerne kennenlernen. Trotzdem führt ja kein Weg daran vorbei. Also heißt es, sich umzuschauen. Auf allen möglichen Social Media Kanälen. Was geht da gerade so? Gibt es Leute, die nach jemandem wie mir suchen? Überraschenderweise ist das gar nicht mal so selten. Den Kontakt herstellen ist in diesen Fällen gar nicht so schlimm. Schließlich wollten die zuerst was. Unangenehmer ist da schon die Kaltakquise. In meiner Erfahrung ist sie nebenbei auch frustiger. Schließlich wissen diese Menschen noch gar nicht, dass sie genau Dich brauchen. Aber tun sie das überhaupt? Bisher habe ich damit nicht soooo die großartigen Erfolge gefeiert. Anders als mit dem

Netzwerken
Auch darüber habe ich schon die ein oder andere Hasstirade ergossen. Ich bin einfach kein großer Fan von Netzwerktreffen. Ich tue mir dabei unglaublich schwer. Insbesondere, wenn man neu in eine Szene reinkommen muss. Nach den ersten Kontakten flutscht es plötzlich. Also habe ich mich durch diverse Netzwerktreffen durchgequält und dabei auch festgestellt, dass nicht jede Veranstaltung automatisch zu jedem passt. Einige Treffen finden seitdem ohne mich statt. Dafür habe ich ein paar Leute kennengelernt, mit denen ich mich nun rege austausche. Viele meiner Aufträge sind über diese Kontakte zustande gekommen. Also: networking rocks.

Fortbildung
Gerade wenn man keinen festen Arbeitgeber, sondern eine Menge wechselnder Auftraggeber hat, ist es wichtig, immer am Ball zu bleiben. Sonst ist man vermutlich schneller abgehängt, als man schauen kann. In den ersten zwei Jahren meiner Selbstständigkeit hatte ich einfach nicht das Geld, um mir Fortbildungen zu leisten. Ich habe versucht, das mit Büchern und kostenfreien Webinaren auszugleichen. Aber ich merke, dass jetzt Zeit und Geld da sind, um in meine Zukunft zu investieren. Das mach ich dann jetzt mal.

Konstruktiv mit Anfragen umgehen
Wie bereits erwähnt, scheint es einen kausalen Zusammenhang zwischen einer Flaute und Interessenten zu geben, die für Leistungen nicht oder nicht adäquat zahlen wollen. Natürlich ist man in dieser Zeit viel anfälliger. Wie eine kranke Antilope. Da kommen die Selbstzweifel und Zukunftsängste. Wenig ist immer noch mehr als nichts. Oder so. Schwer widerlegbar. Trotzdem: nein. Einfach nein. Will ich mir wirklich auf lange Sicht meine eigenen Preise kaputt machen? Und will ich mich immer wenn ich für diesen Kunden aktiv werde schlecht fühlen, weil ich mich selbst nicht ordentlich vertreten habe? Mal ganz davon abgesehen, dass ich mich vermutlich immer über den Kunden und seine Dreistigkeit ärgern würde und schnell keine Lust mehr auf seine Projekte hätte. Und all das möchte ich nicht. Ich will Spaß an meiner Arbeit haben, allen meinen Kunden das Beste geben und natürlich auch entsprechend dafür wertgeschätzt werden. Ja, auch mit Geld.

Früher Schluss machen
Darf man das heutzutage noch schreiben? Schließlich ist ja jeder jederzeit und überall verfügbar. Manche Menschen führen im Fitnessstudio auf dem Laufband Geschäftsverhandlungen. Weiß ich vom Hörensagen. Ich geh nicht ins Fitnessstudio. Da sind mir zu viele Poser. In meinem Boxkeller habe ich keinen Empfang. Und meine Prioritäten liegen woanders. Sollten sie nebenbei auch, wenn ich nichts zu tun habe. Das darf man durchaus auch mal genießen. Nachmittags mal einen Kaffee trinken gehen, einfach mal früher Schluss machen. Das Privatleben nachholen, das man in der Sturmflut-Phase ein ganz klein wenig vernachlässigt hat. Also ich darf das jedenfalls hin und wieder. Auch deswegen bin ich selbstständig geworden.

 

 

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