Angliscisms

Im englischsprachigen Raum gibt es Kindergarten, Zeitgeist und Kitsch. Aha-Erlebnis, Doppelgänger und Angst. Fräuleinwunder. In Berlin gibt es ganze Stadtteile, in denen nur noch englisch gesprochen wird… zumindest, wenn man Jens Spahn Glauben schenkt. Aber will man das überhaupt?

Also Berliner Cafés hin oder her, in anderen Bereichen hat die englische Sprache schon seit langem Einzug gehalten. Klar mach ich da auch mit. Zum Teil fällt es mir in meinem privaten Sprachgebraucht gar nicht mehr auf. Neben Schallplatten spreche ich von 12-, 10- und 7inches. Wenn ich viel englischsprachige Literatur gelesen habe, kommt es mitunter vor, dass mir zwar ein englisches Wort, nicht aber sein deutscher Counterpart (sic) einfallen will.

Im beruflichen Alltag – insbesondere in den betriebswirtschaftlichen Bereichen – treibt das Ganze schon wilde Blüten. Das fängt schon bei den obskuren Berufsbezeichnungen an. Aus einem schnöden Geschäftsführer wird so – Hokus Pokus – ein CEO. Schon ausgeschrieben – Chief Executive Officer – klingt das nicht mehr so prickelnd. Und die meisten Leute haben vermutlich auch Probleme, es fehlerfrei auszusprechen. Aber CEO? Wow.

Das ist ja nur der Anfang. Wenn man sich dann mit anderen Leuten rumschlagen muss, die auch in irgendeiner Form mit Marketing oder BWL zu tun haben, wird’s erst richtig unschön. Denn plötzlich neigen alle dazu, einen Bullshit-Bingo-Wortgefecht auszutragen. Da darf man keinen Satz mehr sagen, in dem nicht mindestens 75% der Wörter Fachbegriffe – bestenfalls Englische – sind. Im Zweifelsfall rettet man sich ganz gut über das Meeting (wir halten keine Besprechungen ab. Schließlich werden statt Spritzgebäck Cookies gereicht.) indem man wahllos Begriffe aneinanderreiht. Solange der Satz nur lang genug wird, kann sowieso keiner mehr folgen.

Manchmal hege ich den leisen Verdacht, dass gerade Anbieter, die selbst eher ahnungslos auf ihrem Fachgebiet sind gerne mit Begriffen wie CPO, customer journey, retargeting (die Liste ließe sich unendlich weiterführen) wie mit Rauchbomben um sich werfen, um ihre eigene Unwissenheit zu verschleiern.

Noch beliebter als Anglizismen für unspektakuläre Begrifflichkeiten sind abgekürzte Anglizismen (oh, ich liebe Alliterationen): CRM, ASAP, CR, AIDA, PPC*… genug Stoff für ein neues Lied der Fantastischen Vier.

Zugegeben, die deutsche Sprache ist nun mal nicht annähernd so wohlklingend, wie italienisch oder französisch. Dennoch finde ich es schade, wenn immer mehr Worte weichen müssen. Denn genauso, wie ich gerne andere Sprachen mit ihren Eigenheiten lerne, freue ich mich, deutsche Texte zu verfassen und mit den Besonderheiten der Sprache zu spielen. Schon alleine dafür, dass man ungestraft Wörter zu einem einzigen Wort aneinanderreihen darf muss man die Sprache doch mögen.

 

 

 

Photo by Nhia Moua on Unsplash

*ich habe die jeweiligen Definitionen mal hinterlegt. Sollte sich ernsthaft jemand dafür interessieren.

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