Alle lieben Piraten

Gestern war ich bei einem Kunden. Dort bin ich für das bundesweite Marketing und die PR zuständig. So weit so tight (was für ein mieser Spruch). Auf jeden Fall landen aus unerfindlichen Gründen auch die bizarrsten Anfragen immer auf meinem Schreibtisch.

So auch gestern. Da wollte mir jemand einen Piraten andrehen. Echt jetzt. Harrrrr Harrr. Aber das ist noch nicht das Seltsamste an der ganzen Nummer. Eigentlich ist es – wenn man bedenkt, dass ich mich auf Schauspiel, Theater und so spezialisiert habe – nicht mal so sonderlich außergewöhnlich. Der Rest aber wohl.

Besagter Anrufer ist Leiter seiner eigenen Marketingagentur und hatte eine Idee, die er mit meinem Kunden umsetzen möchte. Eigentlich bin ich neuen Konzepten und Ideen gegenüber immer aufgeschlossen, aber: zwei Mails und 45 Minuten Telefonat später war mir leider noch immer komplett schleierhaft, was diese Idee sein soll und wer welche Aufgaben hat. Oder welche Zielgruppe sie anzusprechen gedenkt. Nur, dass selbige riesig ist und wir unsere Reichweite so dermaßen steigern werden, dass uns noch ganz anders wird.

Auf meine genauere Nachfrage zur avisierten Zielgruppe wurde mir nur mitgeteilt, dass man ja nun nicht davon ausgehen könne, dass bei einem ersten Gespräch derartige Dinge abgefragt würden. Warum sollte es auch bei der Bewertung einer Idee in irgendeiner Form relevant sein, ob sie finanziell tragfähig ist? Echt jetzt.

Nach circa einer halben Stunde rumgeeiere hegte ich den begründeten Verdacht, dass mein Gegenüber nicht weiß, wie man Zielgruppen definiert, welche Faktoren da einspielen oder, dass „Alle lieben Piraten!“ keine veritable Definition ist. Da muss ich mir „CEO einer Marketingagentur“ nochmal auf der Zunge zergehen lassen. Und plötzlich merken wir wieder ganz furchtbar deutlich, dass mit einer schönen englischen Abkürzung doch noch nicht alles gewonnen ist.

Noch obskurer als die Zielgruppendefinition war nur die Ausformulierung der Idee. Ganz nach dem KISS Prinzip fasste mein Kooperationspartner in Spe seine Gedanken in einem unzusammenhängenden Halbsatz zusammen, in dem er jegliche Form der Grammatik aufs sträflichste vernachlässigte und den Firmennamen meines Kunden mit dem seines größten Konkurrenten verwechselte.

Und auch die Formatierung der Mail könnte man bestenfalls als avantgardistisch bezeichnen. Vier Schriftarten in fünf Schriftgrößen, garniert mit so großen Zeilenabständen, dass ich mehrfach fälschlich annahm, am Ende der Ausführungen angekommen zu sein und mich wunderte, warum es keine Verabschiedung gab.

Witzigerweise hatte der Anrufer das Portfolio seiner Agentur angehängt. Kreativität, Ambition und Kompetenz waren da nur einige Schlagwörter. Dazu fällt mir nur noch eines ein, abgedroschen hin oder her: Lasst auf Worte Taten folgen.

 

Photo: Andrés Gómez // Unsplash

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