Füße auf den Tisch

Ich weiß nicht, wie viele Menschen statistisch gesehen schon mal einer Uraufführung beigewohnt haben. Und auch das Internet gibt darüber leider keine erschöpfende Auskunft. Sicher ist allerdings, dass die meisten dabei vor der Bühne waren, nicht dahinter oder gar drauf.

Der größte Unterschied zwischen den Menschen vor und denen auf und hinter der Bühne ist sicherlich jener, dass die davor – also das Publikum – dem Ereignis entspannt entgegensehen. Der Rest, also alle auf und hinter der Bühne sind definitiv nicht entspannt.

Seit über 13 Jahren arbeite ich an oder für Theater (im Interesse aller Beteiligter immer hinter der Bühne) und habe in dieser Funktion zahlreichen Uraufführungen, Deutschen Erstaufführungen und Premieren beigewohnt.* Bisher ist mir keine einzige derartige Veranstaltung untergekommen, der ich entspannt entgegengesehen habe. Meinen Kolleg*innen ging es ähnlich. Denn entgegen der landläufigen Meinung, wird im Theater (und auch jedem anderen kulturellen Bereich) durchaus gearbeitet. Tagsüber, abends, am Wochenende gerne auch alles auf einmal. Auch an Orten, an denen man es nicht sieht.

Mich überrascht es immer wieder, dass die meisten Menschen – auch passionierte Theatergänger – gar nicht auf die Idee kommen, dass es neben Schauspielern, Sängern und im besten Falle Musikern noch weitere Berufsbilder am Theater gibt. Das ist eigentlich schade, denn ich glaube nirgendwo sonst arbeitet man Hand in Hand und gleichzeitig mit Schreinern, Maskenbildnern, Technikern, Dramaturgen, Künstlern jeder Couleur, Schneidern, Korrepetitoren und Verwaltungsangestellten.

Jupp, wir sind viele und ein buntes Berufspotpourri. Langweilig wird es da nie. Und eigentlich muss man auch gar nicht mehr in die Stadt. Denn Haare schneidet die Maske, den Riss in der Hose bringt man in die Kostümabteilung und Kaffee gibt es sowieso überall.

In meinem Berufsfeld durfte ich mit den meisten Abteilungen eng zusammenarbeiten und habe so jede Menge zu den Produktionen, aber auch den Abläufen hinter den Kulissen mitzubekommen. Denn die Vielseitigkeit, die das Theater bietet, verlangt es auch seinen Mitarbeitern ab. Ganz schnell steckt man da knietief in der konzeptionellen Stückentwicklung oder aber der Weiterentwicklung der Website auf PHP-Basis. Lauter Dinge, von denen man davor keine Ahnung hatte. So wird man dann schwuppdiwupp zur eierlegenden Wollmilchsau (was nebenbei ein total bescheuerter Begriff ist).

Aber all das wollte ich ursprünglich gar nicht erzählen. Eigentlich wollte ich von der letzten Uraufführung und meinem Zutun berichten. Das mache ich wohl das nächste Mal.

Diesmal wollte ich nur klarstellen: wir legen die Füße nicht auf den Tisch. Zu gerne vergisst man, dass andere Leute dafür arbeiten, dass man sich amüsieren kann. Geht mir ja nicht anders, wenn ich Konzerte oder Festivals als Gast besuche. Aber bitte einfach kurz dran denken, bevor man den nächsten Menschen aus dem Kulturbereich fragt, ob er eigentlich auch arbeitet.

 

 

*Begriffsdefinition: Da es immer wieder zu Verwirrungen kommt: Die Uraufführung ist die erste Aufführung eines Werkes überhaupt. Die Deutsche Erstaufführung ist die erste Aufführung des Stückes in Deutschland. Eine Premiere ist die erste Aufführung an einer Bühne/ des Stückes in einer neuen Inszenierung etc. Das bedeutet, dass ein Stück (bspw. Shakespeare´s Sommernachtstraum) bis heute immer wieder Premieren haben kann. Bei der Uraufführung ist der Zug vermutlich vor 1598 abgefahren und auch die deutsche Erstaufführung ist schon etwas her.

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