Oh Du Fröhliche

Vorweihnachtszeit. Plätzchen, Kerzen, Tee, lange Abende. Behauptet zumindest mein Instagram-Feed. In der Realität sieht es ganz anders aus. Die Abende sind zwar wirklich lang, aber eigentlich, weil es jetzt an der Zeit ist, Dinge zu verkaufen. Also reden wir nicht von langen Stunden gemeinsam mit den Liebsten vor dem Kamin sondern von langen Überstunden gemeinsam mit den Kollegen vor dem Rechner.

Nie sitzt der Geldbeutel der westlichen Welt so locker, wie zur Vorweihnachtszeit. Das wissen Spendensammler genauso, wie Wirtschaftsmagnate. Und weil wir nun einmal im Kapitalismus leben (in dem selbst die Minimalisten und Zero Waste Anhänger freiwillig und kostenlos dafür werben, was man alles für ihren nachhaltigen Lebensstil kaufen oder besitzen sollte), ist die Vorweihnachtszeit bei Weitem nicht so besinnlich, wie uns das gerne verkauft wird.

Das Geschäft mit der Nächstenliebe boomt und weil wir immer weniger Zeit haben, uns um unsere Nächsten zu kümmern, müssen wir immer mehr Geld dafür ausgeben, um die fehlende Zeit monetär wieder gut zu machen. Dafür müssen wir mehr arbeiten und so weiter und so fort.

Selbst wenn man als Privatperson nicht Teil des Hamsterrads ist, so holt es einen doch zumindest im Beruflichen ein. Denn die plötzliche Freisetzung einer riesigen Kaufkraft sorgt natürlich trotzdem für längere Arbeitszeiten und mehr Stress. Das beschränkt sich nicht nur auf Verkäufer, die nun auch samstags bis spätabends uninspirierte aber teure Geschenke in hässliches Kaufhausgeschenkpapier einschlagen müssen. Lehrer schieben Überstunden auf Schulweihnachtsfeiern, die sie niemals im Leben freiwillig besuchen würden, bei Friseuren stapeln sich die Kunden für einen feierlichen Look und so weiter.

Für jene, die im Bereich Marketing tätig sind, ist die Vorweihnachtszeit ein Segen. Sollte man meinen. Denn jetzt gibt es einen guten Grund dafür, die Leute mit Geschenkideen zu penetrieren, für die man sich das restliche Jahr weniger gute Gründe aus den Fingern saugen muss. Oder auf weitere Festtage zurückgreifen, in denen das Geld aber bei Weitem nicht so locker sitzt (Ostern, Valentinstag, im Zweifel absurde Feiertage, wie etwa der Tag des Senfs zu dem man dann versucht eine irgendwie geartete Verbindung herzustellen.).

Natürlich ist es angenehm, sich einfach mal auf einem Feiertag ausruhen zu können und den Kunden das Kaufen zu überlassen. Aber es ist auch langweilig. Alle Jahre wieder die gleichen Floskeln. Im schlimmsten Falle zweideutige Wortspiele rund um den Sack des Nikolauses oder ähnliche seelische Grausamkeiten.

Natürlich ist es außerdem im Beruflichen auch nicht anders, als im Privaten: Weihnachten kommt überraschend. Immer. Plötzlich geht den Kunden auf, dass sie schnell noch dies oder jenes brauchen. Natürlich alle gleichzeitig und am Besten gestern. Ist ja auch schön Aufträge zu haben. Ich mache das gern und es macht mir Spaß. Aber mal ehrlich: warum immer alles auf den letzten Drücker und in einer Hysterie, die darauf schließen lässt, dass es sich um eine Operation am offenen Herzen handelt und nicht etwa die Anpreisung eines – seien wir ehrlich – für den Käufer und Beschenkten unnötigen Weihnachtsgeschenks?

Klingt jetzt alles ein wenig, als sei ich der Grinch? Nicht von der Hand zu weisen. Und was schenkt jemand, der hauptberuflich Träume verkauft, von denen die Meisten nicht einmal wussten, dass sie sie haben?

Nichts.

 

Photo: Mel Poole // Unsplash

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