Selbst schuld

Da kommt ein Virus auf uns zugerollt, das eigentlich einen ganz hübschen Namen und ganz schön häßliche Folgen hat. Menschen werden krank, manche genesen, manche sterben. Viele horten Klopapier, oder wie erkläre ich mir sonst, dass wir seit drei Tagen keines finden und langsam auf die letzte Rolle zusteuern? Das öffentliche Leben wird lahmgelegt und plötzlich gibt es weder Unterricht, noch die Möglichkeit, meine Oma im Pflegeheim zu besuchen.

Alles (bis auf die Klopapier-Sache, Leute, echt mal. Spielt ihr zu Hause Klopapiermumien?) soweit richtig und vermutlich die einzige Möglichkeit dem Ganzen irgendwann nochmal Einhalt zu gebieten bzw. es zumindest zu verlangsamen. Trotzdem: schön ist es nicht zu wissen, dass die Oma allein im Pflegeheim sitzt, obwohl sie gerade jetzt dringend Zuspruch bräuchte. Und nicht nur wegen der Pandemie. Weil das Leben halt trotzdem auch nicht überall Halt macht und uns mitreißt, ob wir wollen oder nicht. Aber da müssen wir jetzt alle durch. Am Besten zusammen.

Da freut mich doch der neue zwischenmenschliche Zusammenhalt. Oder Moment, wie war das gleich? Die Zeit tituliert „Selbstständige verlieren als Erste“, eine Angst, die mich seit Tagen umtreibt. Und die Reaktion des Angestellten, der nun mit Lohnfortzahlung und zu viel Freizeit zu Hause sitzt? „Selbst schuld“. In zahlreichen Varianten in den Kommentarspalten zu lesen (und wir reden hier nicht von der Regenbogenpresse). Hätten sie doch Rücklagen gebildet. Die verdienen ja mehr, als so mancher Angestellter.

Nun.

1. Kultursektor
Ist jetzt nicht gerade die Branche, in der man Reichtümer anhäuft.

2. Hättest Du halt was Ordentliches gelernt
Ich erinnere euch nochmal an die Aussage, wenn ihr das nächste Mal ins Theater, die Oper, ins Kino, in Konzerte, auf Festivals oder anderweitige Kulturveranstaltungen geht. Die wären dann nämlich hinfällig, wenn wir alle Bankberater oder Immobilienmakler werden. Und nur weil solche Events für euch mit Freizeit verknüpft sind, heißt das nicht, dass wir nicht hart arbeiten, damit ihr euren Spaß haben könnt. (Ich mach das nebenbei auch sehr gerne, solang ich mir nicht so einen Humbug anhören muss).

3. Hättest Du halt mal Rücklagen gebildet
Überraschung: hab ich. Über die letzten 4 1/2 Jahre habe ich jeden Cent, den ich nicht dringend zum Überleben gebraucht habe zurückgelegt. Viel ist dabei nicht zusammengekommen (siehe Punkt 1). Trotzdem reicht es, um mich vorläufig über Wasser zu halten. Wäre aber eigentlich meine Altersvorsorge. Oder meine Absicherung, bis im Krankheitsfall das Krankengeld greift. Nach sechs Wochen. Stichwort Lohnfortzahlung im Angestelltenverhältnis. Und was mach ich dann genau, wenn die Schließungen aufgehoben werden, alle wieder vor die Tür dürfen und ich antizyklisch krank werde? Mist, dann wären meine Rücklagen ja irgendwie schon aufgebraucht. Miese Planung. Selbst schuld.

4. Naja, 2 Monate wirst Du damit ja wohl über die Runden kommen
Jupp, vielleicht. Nur sind meine Kunden Kultureinrichtungen. Zum Teil nicht gefördert. Also in ihrer Existenz bedroht. Ich bange also nicht nur um mein Überleben, sondern auch um das meiner Kunden. Denn erstens mag ich die und möchte, dass sie unbeschadet durch die Krise kommen. Und zweitens bringen mir all meine Rücklagen nichts, wenn ich im Anschluss keine Kunden mehr habe. Ach, und was Neukundenakquise angeht: läuft gerade nicht so.

Um das Ganze auf den Punkt zu bringen: ich gönne jedem im festen Angestelltenverhältnis seinen Job und hoffe, dass eure Firma nicht pleite geht. Ich verneige mich vor allen, die gerade Überstunden schuften, um sich um die Schwächsten der Gesellschaft zu kümmern. Vor allem aber wünsche ich den Pfleger*innen, dass diese Krise zumindest im Anschluss dafür sorgt, dass sie ordentliche Arbeitszeiten und eine angemessene Entlohnung erhalten.

Vielleicht wäre es möglich den Freiberuflern im Gegenzug zu gönnen, dass sie staatliche Unterstützung erhalten. Und zwar bevor es zu spät ist. Nur mal so als Idee.

 

Photo: visuals // Unsplash

 

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